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| Foto @Gisela Simak. Hintergrund kostenloses Bild von Pixabay. |
Unbezahlte Werbung. Coverrechte: Klett Cotta Verlag.
Tief unter der Erde werden neununddreißig Frauen gefangen gehalten. Während das elektrische Licht Tag und Nacht verschwimmen lässt, sitzt ein junges Mädchen – die vierzigste Gefangene – allein und ausgestoßen in der Ecke. »Ich, die ich Männer nicht kannte« ist so feministisch wie »Der Report der Magd« und so existentiell wie »Die Wand«: Ein moderner Klassiker, internationaler Verkaufserfolg und BookTok-Hit in neuer deutscher Übersetzung.
In einem unterirdischen Gefängnis sitzen neununddreißig Frauen. Was übertage geschehen ist, wissen sie nicht: Wurde die Welt verlassen, von einem Virus verwüstet? Die Frauen können sich nicht erinnern, wie sie in den Käfig gelangt sind, haben jegliches Zeitgefühl verloren und nur eine vage Ahnung von ihrem alten Leben. Ihre Aufseher, sechs schweigsame Männer in Uniform, sprechen nicht mit ihnen und berühren sie nur, um sicherzustellen, dass keine von ihnen versucht, sich das Leben zu nehmen. Eines Tages ertönt ein Alarm, und die Wachen verschwinden; die Tür steht offen. Als erste wagt jene vierzigste Gefangene den ersten Schritt, die nichts als das Gefängnis kannte. Doch anders als erhofft, finden die Frauen draußen nicht die Freiheit, sondern eine Welt, die sie nicht wiedererkennen und in der sie lernen müssen, sich gemeinsam zurechtzufinden.
Diese fesselnde Dystopie wird mir noch lange im Gedächtnis bleiben.
Es geht darum, dass 39 Frauen in einem dunklen Keller unter der Erde gefangen gehalten werden. Nur noch dunkel erinnern sie sich an ein Leben davor. Darüber nachzudenken, wäre zu schmerzvoll. Einzig für die namenlose Ich-Erzählerin gibt es kein Davor, da sie wahrscheinlich versehentlich als kleines Mädchen mit den Frauen eingesperrt wurde.
Das Mädchen findet lange Zeit keinen Zugang zu den Frauen und fühlt sich ausgeschlossen. Das ändert sich, als sie eine eigene Zeit erfindet. Da sie Tag ein und Tag aus in dem spärlich beleuchteten Kellerverlies ihr Dasein fristen, ist ihnen die reale Zeit abhandengekommen. Aber an ihrem Pulsschlag und den Schichten der Gefängniswärter versucht das Mädchen, eine Uhrzeit zu erschaffen, was von den anderen Frauen sehr positiv aufgenommen wird.
Sie dürfen sich nicht gegenseitig berühren. Tun sie es doch, werden sie mit der Peitsche bestraft. Tag und Nacht werden sie bewacht und bei jedem Fehltritt kommt die Peitsche zum Einsatz.
Es gibt keine Haarbürste und keinen Spiegel. Die Toilette befindet sich in dem kleinen Kellerraum und keine der Frauen kann ihre Notdurft unbeobachtet verrichten. Sie müssen selber kochen und bekommen gerade mal so viel Lebensmittel, um zu überleben.
Das Mädchen beobachtet durch die Gitterstäbe einen jungen Wärter, der ihr niemals Beachtung schenkt. Sie fühlt, dass Männer in einer anderen Welt eine wichtige Bedeutung haben. Aber welche genau erschließt sich ihr nicht. Sie denkt, er könnte in ihrem Alter sein, und sie könnte ihr eigenes Altern an seinem messen.
Die Ich-Erzählerin ist die einzige unter den Frauen, die nie körperliche Liebe erfahren durfte und viele Fragen dazu hat, die die Frauen ihr anfangs nicht gerne beantwortet haben. Warum sollten sie etwas erklären, das das Mädchen niemals erleben wird?
Als nach einem Alarm alle Männer plötzlich verschwinden und die Zellentür offensteht, gelangen die 39 Frauen und das Mädchen in eine Freiheit, deren öde Landschaft mehr wie ein unendlich großes Gefängnis wirkt. Sie nehmen sämtliche Nahrungsmittel mit und machen sich auf die Suche nach einer bewohnten Stadt.
Ich war von Anfang an in dem Geschehen gefangen. Der Schreibstil kommt sachlich daher und transportiert dennoch die Emotionen der Frauen. Freude über die kleinsten Dinge und unendlich viel Hoffnung begleiten anfangs ihren beschwerlichen Weg. Die Suche nach einem bewohnten Ort treibt die Frauen immer weiter an.
Die gewonnene Freiheit bringt den Frauen nur kurze Zeit Freude. Vielmehr nimmt die Resignation große Ausmaße an. Schnell wird das Baden in einem Fluss und das Grillen von Fleisch im Freien von Hoffnungslosigkeit abgelöst. Sie wissen nicht, wo sie sich befinden und wohin die ganzen Wärter verschwunden sind. Befinden sie sich wirklich auf der Erde? Das eigenartige Klima spricht nicht dafür.
Über Jahre hinweg wandern sie weiter und finden weitere Kellerverliese, deren Gefangene sich nicht befreien konnten und den Hungertod starben. Da jedes Wärterhaus über einen Tiefkühlraum verfügt, können sie jedes Mal ihre Fleischvorräte auffüllen und sich mit anderen Lebensmitteln eindecken. Auch in der eigenen Gruppe müssen sie immer wieder von einer Frau Abschied nehmen. Die Solidarität unter den Frauen kennt keine Grenzen. Sie helfen und trösten sich gegenseitig.
Eine klare Empfehlung für diesen dystopischen Roman, der mir keine Antworten gegeben hat, aber jede Menge Anregungen zum Nachdenken. Ich fand das Ende unheimlich traurig. Jaqueline Harpman hat uns eine wunderbare Geschichte hinterlassen. Danke.
Jacqueline Harpman, 1929 in Etterbeek, Belgien, geboren, ist eine der großen Stimmen der französischsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts. Ihre Familie musste vor den Nationalsozialisten nach Casablanca fliehen und konnte erst nach dem Krieg in ihre Heimat zurückkehren. Nach einem Studium der französischen Literatur begann sie eine Ausbildung zur Ärztin, die sie jedoch aufgrund einer Tuberkuloseerkrankung nicht abschließen konnte, und wandte sich dem Schreiben zu. Im Jahr 1980 machte sie ihren Abschluss als Psychoanalytikerin. Harpman schrieb über 15 Romane und gewann zahlreiche Literaturpreise.
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